15. KAPITEL

 

KÖNIGIN TERAS PLAN

 

»Und nun zum Stern-Juwel! Diesen sah sie als ihren größten und kostbarsten Schatz an. In ihn ließ sie Worte einritzen, die zu ihrer Zeit niemand auszusprechen wagte.

Nach den alten ägyptischen Anschauungen gab es Wörter, die bei richtiger Anwendung – wobei die Aussprache ebenso wichtig war wie die Worte selbst – Gewalt über die Herren der Oberen und der Unteren Welten hatten. Das »Hekau« oder Machtwort war in gewissen Ritualen von allergrößter Wichtigkeit. Der Siebengestirn-Stein, der wie sie wissen, in Form eines Skarabäus geschliffen wurde, trägt in Hieroglyphenschrift zwei solche Hekau, eines auf der Ober-, das andere auf der Unterseite. Sie alle werden es leichter verstehen können, wenn Sie es sehen. Warten Sie! Rühren Sie sich nicht vom Fleck!«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als er sich schon erhob und hinausging. Ich bekam es mit der Angst um ihn zu tun, doch spürte ich Erleichterung, als ich zu Margaret hinüberblickte. Sie hatte immer Anzeichen von Angst gezeigt, wenn die Möglichkeit einer Gefahr für ihn drohte. Nun aber war sie ruhig und gelassen. Ich sagte also nichts und wartete ab.

Nach wenigen Minuten war Mr. Trelawny wieder zur Stelle, in der Hand eine kleine goldene Schatulle. Diese legte er vor sich auf den Tisch, als er sich setzte. Alle beugten sich neugierig vor, als er die Schatulle öffnete.

Auf weichem Seidenfutter lag ein wundervoller Rubin von außergewöhnlicher Größe, fast so groß wie das oberste Glied von Margarets kleinem Finger. Der Stein war in Form eines Skarabäus geschliffen – seine natürliche Form konnte dies nicht sein, wenngleich man Edelsteinen die Bearbeitung durch Werkzeug nicht ansieht. Dieser Skarabäus hatte die Flügel angelegt und Beine und Fühler an den Körper angepaßt. Die wundervolle »Taubenblut«-Farbe ließ sieben siebenzackige Sterne durchschimmern, die so angeordnet waren, daß das Sternbild des Wagens deutlich zu erkennen war. Ein Irrtum war ausgeschlossen für jemanden, der sich dieses Sternbild je eingeprägt hat. In den Stein waren Hieroglyphen eingeritzt, die mit unübertrefflicher Präzision ausgeführt waren, wie ich erkannte, als die Reihe an mir war, den Stein mit dem Vergrößerungsglas, das Mr. Trelawny mir dazu reichte, zu untersuchen.

Nachdem wir alle den Stein genau angesehen hatten, drehte Mr. Trelawny ihn um, so daß er auf dem Rücken zu liegen kam und in eine Höhlung paßte, die in die obere Hälfte der Schatulle eingelassen war. Die Rückseite nun war nicht weniger schön. Sie war als Unterseite des Skarabäus zurechtgeschliffen. Auch hier waren Hieroglyphen eingeritzt. Mr. Trelawny nahm seinen Vortrag wieder auf, als wir, die Köpfe über den herrlichen Edelstein gebeugt, dasaßen:

»Wie Sie sehen, sind es zwei Wörter, eines auf der Oberseite, das andere auf der Rückseite. Die Symbole der Oberseite stellen ein einziges Wort dar, das aus einer Langsilbe mit dem dazugehörigen Pronomen besteht. Ich nehme an, Sie wissen, daß die ägyptische Schrift phonetisch war und daß ein Hieroglyphensymbol einen Laut darstellt. Das erste Symbol hier, diese Harke, bedeutet »mer«, und die zwei zugespitzten Ellipsen die Länge des End-R zu Mer-r-r. Die sitzende Gestalt mit der Hand vor dem Gesicht ist das Zeichen für »Denken« und die Papyrusrolle jenes für »Abstraktion«. So haben wir hier vor uns das Wort »mer«, Liebe in seinem abstrakten, allgemeinen und vollsten Sinn. Es ist das Hekau, das Macht über die Oberwelt hat.«

Margarets Antlitz leuchtete vor Glück, als sie in ihrer tiefen wohlklingenden Stimme sagte:

»Oh wie wahr das ist! Wie die alten Wundermänner die allmächtige Wahrheit erkannten!«

Da stieg ihr die Röte ins Gesicht, und sie senkte den Blick. Ihr Vater lächelte liebevoll, als er fortfuhr:

»Die symbolische Wiedergabe des Wortes auf der Rückseite ist einfacher, obgleich das Wort selbst ist schwerer verständlich. Das erste Symbol bedeutet »men«, was soviel wie »beständig« heißt, und das zweite »ab«, unser Wort »Herz«. Wir lesen also »beständiges Herz« oder in unserer Sprache »Geduld«. Und dies ist das Hekau zur Beherrschung der Unterwelt!«

Er klappte die Schatulle zu, und ging, während er uns bedeutete, Platz zu behalten, zurück in sein Zimmer, um den Edelstein im Safe zu verwahren. Er kam sogleich zurück, nahm seinen Platz wieder ein und fuhr fort:

»Dieser Stein mit seinen mystischen Worten, den Königin Tera im Sarkophag mit ihrer Hand deckte, sollte ein wichtiger Faktor – wahrscheinlich der wichtigste überhaupt – für das Gelingen ihrer Wiederauferstehung sein. Das sagte mir von allem Anfang an mein Instinkt. Ich bewahrte den Stein in meinem großen Safe auf, von wo niemand ihn entwenden konnte, nicht einmal Königin Tera selbst mittels ihres Astraleibs.«

»Astralleib? Was ist das, Vater?« Die Neugierde in Margarets Stimme überraschte mich. Aber Trelawnys väterlich-nachsichtiges Lächeln erhellte seine ernste Miene wie ein Sonnenstrahl, als er antwortete:

»Der Astralleib, ein Begriff aus dem viel später entstandenen Buddhismus, und im modernen Mystizismus als Tatsache anerkannt, hat seinen Ursprung im alten Ägypten – man nimmt es jedenfalls an. Er bedeutet nichts anderes, als daß ein Individuum kraft seines Willens seinen Leib blitzschnell an jeden beliebigen Ort versetzen kann, und zwar durch Auflösung und Reinkarnation der einzelnen Partikel. Die Alten glaubten, das Wesen des Menschen setzt sich aus mehreren Teilen zusammen. Ich will sie Ihnen erklären, damit alles, was damit zusammenhängt verständlicher wird.

Als erstes wäre da das »Ka«, oder »Ebenbild«, das man nach Doktor Budge definieren könnte als »abstrakte Individualität der Persönlichkeit«, durchdrungen von allen charakteristischen Attributen des Individuums, das es darstellte, und im Besitz einer völlig unabhängigen Existenz. Es konnte sich nach Belieben von einem Ort zum anderen bewegen, und es konnte sogar in den Himmel eindringen und mit den Göttern reden. Sodann gab es das »Ba« oder die »Seele«, die im »Ka« wohnte, und die Macht hatte, nach Belieben körperlich oder unkörperlich zu erscheinen. »Es besaß sowohl Substanz als auch Gestalt… es besaß die Macht, das Grab zu verlassen… es konnte den Leib in der Gruft besuchen… konnte ihn wieder auferstehen lassen und mit ihm Zwiesprache halten.« Als nächstes gab es das »Khu«, die »Intelligenz des Geistes« oder den Geist schlechthin, der als leuchtende, nicht greifbare Körpergestalt beschrieben wird… Sodann das »Sekhem« oder die »Kraft« eines Menschen, seine personifizierte Stärke oder Vitalkraft. Es fehlen noch das »Khaibit« oder der »Schatten«, das »Ren« oder der »Name«, das »Khat« oder der physische Leib, sowie »Ab«, das »Herz«, der Sitz des Lebens.

Sie sehen daher, daß diese Unterteilungen von geistigen und körperlichen Funktionen, psychischen und physischen, ideellen und wirklichen, als Tatsache angesehen wurden, und daß dadurch alle Möglichkeiten und Fähigkeiten körperlicher Transferenz gegeben waren, stets gelenkt von einem nicht einzugrenzenden Willen.

Als er eine Pause machte, sagte ich halblaut die Verse aus Shelleys »Entfesseltem Prometheus« vor mich hin:

»Der große Zarathustra, lustwandelnd einst im Garten, traf auf sein eigen Abbild…«

»Da wäre noch eine religiöse Sitte des alten Ägypten, die für uns von Bedeutung ist. Jene nämlich, die Ushapti-Figuren der Osiris betreffend, die man den Toten ins Grab mitgab, damit sie im Jenseits ihre Wirkung taten. Die Weiterführung dieser Vorstellung mündete in dem Glauben, daß es mittels magischer Formeln möglich wäre, Seele und Eigenschaften eines jeden Lebewesens einer als Abbild geformten Figur zu übertragen. Damit wäre demjenigen, der über diesen Zauber gebot, eine schreckliche Macht in die Hand gegeben.

Aus einer Verbindung dieser verschiedenen Richtungen und ihren Folgerungen bin ich zu dem Schluß gelangt, daß Königin Tera damit rechnete, ihre eigene Wiederauferstehung wann, wo und wie es ihr beliebte, in Szene zu setzen. Daß sie sich dafür einen bestimmten Zeitpunkt vornahm, ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich. Nähere Erklärungen spare ich mir in diesem Punkt für später auf. Mit einer Seele, die bei den Göttern weilte, mit einem Geist, der nach Belieben über die Erde wandeln konnte, mit der Kraft körperlicher Transferenz oder einem Astralleib ausgestattet, waren ihrem Streben keine Grenzen gesetzt. Es drängt sich einem der Gedanke auf, daß sie die vergangenen vierzig oder fünfzig Jahrhunderte schlafend in ihrer Gruft verbrachte – und wartete. Sie wartete mit jener »Geduld«, mittels der sie die Götter der Unterwelt beherrschen konnte, auf die »Liebe«, mittels der sie jene der Oberwelt in der Gewalt hatte. Wie ihre Träume aussehen mochten, das wissen wir nicht. Doch muß ihr Traum eine Unterbrechung erfahren haben, als der holländische Forscher ihre herausgemeißelte Höhle betrat und sein Nachfolger die heilige Ruhe ihres Grabes durch den brutalen Raub ihrer Hand störte.

Jener Raub mit all seinen Folgen aber beweist uns eines, nämlich, daß ein jeder Teil ihres Körpers, sei er auch von ihm getrennt, Sammelpunkt für die Einzelheiten oder Partikel ihres Astralleibes sein kann. Jene in meinem Zimmer befindliche Hand konnte ihre plötzliche körperliche Anwesenheit bewirken und deren ebenso schnelle Auflösung.

Und jetzt kommen wir zur Krönung meiner Folgerungen. Der Zweck des Überfalls auf mich war es, das Safe zu öffnen, damit man den heiligen Stein des Siebengestirns herausholen konnte. Und ich bezweifle nicht, daß jene Mumienhand im Dunkel der Nacht oft nach dem Talisman-Stein suchte und aus seiner Berührung neue Kraft zog. Trotz seiner Kraft aber vermochte der Astralleib nicht, den Edelstein hinter den Safe-Wänden hervorzubekommen. Denn der Rubin ist nicht von astraler Substanz und konnte nur auf dem gewöhnlichen Weg durch die Tür entfernt werden. Zu diesem Zweck benutze die Königin ihren Astralleib und die große Kraft ihres Schutzgeistes und versuchte den Schlüssel, der ihren Wünschen im Wege stand, an das Schlüsselloch heranzuführen. Seit Jahren schon argwöhnte ich dergleichen, nein, ich wußte es. Und wappnete mich gegen die Mächte der Unterwelt. Auch ich wartete geduldig ab, bis ich alle zur Öffnung des magischen Behälters und zur Auferweckung der Mumie der Königin nötigen Dinge beisammen hatte!«

Als er eine Pause machte, ertönte die Stimme seiner Tochter, hold und klar und voller Gefühl:

»Glaubten die Ägypter an die Auferstehung einer Mumie im allgemeinen oder war die Möglichkeit begrenzt? Ich meine, konnte sie im Verlauf der Zeitalter mehrmals auferstehen oder nur einmal?«

»Nur eine einmalige Auferstehung war möglich«, erwiderte er. »Manche glaubten, es handle sich um eine wirkliche Auferstehung des Leibes auf der realen Welt. Im allgemeinen aber glaubte man, der Geist würde in die Elysischen Gefilde aufgenommen, wo er sich mancherlei Freuden hingeben konnte, wo es Speis und Trank in Hülle und Fülle und keine Hungersnöte gab, genügend Wasser und Pflanzen und alles, was sich Menschen eines trockenen, heißen Klimas als paradiesisch vorstellen.«

Da sprach Margaret mit einem Ernst, der ihre innerste Überzeugung widerspiegelte:

»Für meine Begriffe ist nun klar, welchen Traum diese große, weitblickende und hochherzige Frau aus alter Zeit verfolgte, einen Traum, auf dessen Verwirklichung ihre Seele über Jahrhunderte hinweg geduldig erwartete. Es war der Traum von einer Liebe, die es irgendwo gab, einer Liebe, die sie vielleicht selbst, wenn auch unter anderen Umständen selbst erleben würde. Eine Liebe, wie sie jede Frau für ihr Leben erträumt, in alter und neuer Zeit, heidnisch oder christlich, unter jeder Sonne, gleichgültig welchen Ranges und welcher Herkunft, gleichgültig wie Freude und Leid ihr Leben ansonsten bestimmten. Oh, ich weiß es! Ich weiß es! Ich bin selbst Frau und kenne die Frauenherzen. Was sind schon Not oder Überfluß, was bedeuteten dieser Frau Hunger oder Völlerei, ihr, die in einem Palast geboren, ihr, der die Krone beider Ägypten die Stirn beschattete! Was waren ihr feuchte Sümpfe oder das Plätschern fließenden Wassers, ihr, deren Barken den großen Nil von den Bergen an bis zum Meer entlangglitten. Was bedeuteten ihr kleine Freuden oder das Fehlen kleiner Ängste, ihr, die mit einer Handbewegung über Armeen gebot, vor deren zum Wasser führenden Palaststufen sich der Handel der ganzen Welt zusammenfand! Auf deren Wort hin Tempel wuchsen, angefüllt mit Kunstschätzen aus alten Zeiten, die sie zu ihrem Vergnügen in neuem Glanz erstrahlen ließ! Unter deren Anleitung der feste Fels den Weg freigab in die Gruft, die sie selbst erdacht!

Gewiß waren ihre Träume edlerer Art! Ich erahne siein meinem Herzen. Ich schaue sie mit schlafenden Augen!«

Sie schien von irgendwoher inspiriert, als sie das alles sagte. Und ihr Blick ging in die Ferne, als sähe sie über den Gesichtskreis der Sterblichen hinaus. Und ihre tiefen Augen füllten sich mit den ungeweinten Tränen großer Gefühlsaufwallung. Aus ihrer Stimme klang die Seele dieser Frau, während wir, die Zuhörer, wie gebannt dasaßen.

»Ich sehe sie in ihrer Einsamkeit, in der Stille ihres Stolzes, wie sie ihren Traum träumt, von Dingen, die so anders als ihre Umgebung. Von einem anderen Land, weit, weit weg unter dem Baldachin der schweigenden Nacht, erhellt vom kühlen, schönen Licht der Sterne. Von einem Land unter dem Stern des Nordens, von wo die süßen Winde wehen, die kühlend über die fieberheiße Wüste wehen. Ein Land, mit köstlichem Grün bewachsen, in weiter, weiter Ferne. Dort, wo es keine ränkeschmiedende, böswillige Priesterschaft gibt, die durch düstere Tempel und noch düsterere Grabhöhlen und durch endlose Todesrituale ihre Vorstellungen von Macht durchsetzen wollen! Ein Land in dem die Liebe nicht als minder galt, sondern als göttliches Erfülltsein der Seele! Wo sie einen verwandten Geist zu finden hoffte, der zu ihr mit menschlichen Lippen, ihren eigenen gleich, sprechen würde; dessen Sein sich mit dem ihren in einer süßen Seelengemeinschaft finden würde, so wie ihr Odem sich in der sie umgebenden Luft vermengen konnte! Ich kenne das Gefühl, denn ich habe es erlebt. Und ich darf jetzt davon sprechen, seit dieses Glück in mein Leben trat. Ich darf davon sprechen, da es mich befähigt, die Gefühle, die sehnsuchtsvolle Seele dieser süßen, holden Königin zu begreifen, die sich von ihrer Umgebung so unterschied und ihrer Zeit so weit voraus war! Deren Wesen, in einem Wort zusammengefaßt, die Mächte der Unterwelt beherrschte, und deren Ziel, in einen sternerhellten Edelstein als Wort geritzt, allen Mächten im Pantheon der Hohen Götter befehligte.

Und in der Verwirklichung des Traumes wird sie zufrieden ruhen!«

Wir Männer saßen stumm da, während das junge Mädchen das Streben und das Ziel der Frau aus alter Zeit verdeutlichte. Ihr Tonfall, ja jedes einzelne Wort war mit ihrer ureigensten Überzeugung befrachtet. Ihre hochgespannten Gedanken hoben uns alle, die wir lauschten, empor. Ihre hehren Worte, in musikalischen Kadenzen geäußert und vor innerer Kraft vibrierend, schienen einem mächtigen Instrument elementarer Kraft zu entspringen. Sogar ihr Ton war uns allen neu, so daß wir ihr zuhörten, als wäre sie ein neues, ein fremdes Wesen aus einer neuen und fremden Welt. Das Antlitz ihres Vaters drückte schieres Entzücken aus. Und ich kannte jetzt den Grund. Ich begriff, welches Glück in sein Leben getreten war nach seiner Rückkehr in die Welt, die er kannte, nach jenem langen Verweilen in der Welt der Träume. In seiner Tochter, deren Wesen ihm bislang unbekannt geblieben war, einen solchen Gefühlsreichtum zu finden, einen Reichtum an geistigen Einsichten, so viel gelehrte Vorstellungskraft, so viel… Nun, alles Weitere blieb der Hoffnung überlassen!

Die zwei anderen Männer schwiegen. Der eine hatte seinen Traum geträumt, für den anderen stand er noch bevor.

Was, mich betraf, so fühlte ich mich wie in Trance. Wer war dieses neue, strahlende Wesen, das aus Dunst und Finsternis unserer Ängste zur Existenz erwacht war? Liebe besitzt göttliche Fähigkeiten für das Herz des Liebenden! Die Schwingen der Seele entsprießen den Schultern des geliebten Wesens, das daraufhin Engelsgestalt annimmt. Ich ahnte, daß im Wesen meiner Margaret göttliche Eigenschaften mancher Art schlummerten. Als ich damals im Schatten der überhängenden Weide am Fluß in die Tiefen ihrer schönen Augen geblickt, war in mir der feste Glaube an die mannigfache Schönheit und Vorzüge ihres Wesen erwacht. Doch dieser versengende und alles verstehende Geist bedeutete für mich eine Offenbarung. Mein Stolz wuchs wie bei ihrem Vater über mich selbst hinaus, meine Freude, meine Verzückung waren vollkommen und nicht zu überbieten. Nachdem wir alle wieder – jeder auf seine Weise – auf dem festen Boden der Wirklichkeit standen, fuhr Mr. Trelawny, die Hand seiner Tochter festhaltend, in seinen Ausführungen fort:

»Und nun zu dem Zeitpunkt, den Königin Tera für ihre Auferstehung vorgesehen hatte! Wir haben es hier mit astronomischen Berechnungen komplizierter Art in Verbindung mit echten Richtungsangaben zu tun. Wie Sie wissen, verändern die Sterne ihre relativen Positionen am Himmel. Während aber die tatsächlichen Entfernungen über das normale Vorstellungsvermögen hinausgehen, sind die von uns wahrgenommenen Wirkungen nur gering. Dennoch sind sie meßbar, nicht nach Jahren, sondern nach Jahrhunderten. So war es möglich, daß Sir John Herschel auf das Datum der Erbauung der Großen Pyramide kam – ein Datum, das sich durch die Zeitspanne ergibt, die vergehen mußte, bis der Stern des wahren Nordens sich von Draco zum Polarstern verschob, was im nachhinein durch weitere Entdeckungen bewiesen wurde. Aus dem Gesagten geht zweifelsfrei hervor, daß mindestens tausend Jahre vor Königin Tera die Astronomie bei den Ägyptern bereits eine exakte Wissenschaft war. Nun denn, die einzelnen Sterne eines Sternbildes verändern mit der Zeit ihre Position zueinander, und dafür ist der Wagen ein bemerkenswertes Beispiel. Die Veränderungen der Sterne nach vierzig Jahrhunderten sind so geringfügig, daß sie von einem ungeübten Auge kaum wahrgenommen werden, doch sind sie meßbar und beweisbar. Ist Ihnen aufgefallen, wie exakt die Sterne im Rubin der Stellung der Gestirne im Wagen entsprechen?

Oder wie diese Verteilung auf die durchscheinenden Stellen des magischen Behälters zutrifft?«

Wir pflichteten ihm bei, und er fuhr fort:

»Sie haben ganz richtig gesehen. Sie entsprechen dem Sternbild genau. Dennoch – als Königin Tera zur letzten Ruhe gebettet wurde, entsprachen weder die Sterne im Rubin noch die durchscheinenden Stellen im Behälter der Stellung der Gestirne im Sternbild, wie es sich damals darbot.«

Wir blickten einander an – eine neue Erkenntnis schien sich Bahn zu brechen. Sachkundig fuhr er fort:

»Erkennen Sie denn nicht die Bedeutung dessen? Wirft dies nicht ein Licht auf die Absichten der Königin? Sie, die sich von Weissagungen, Magie und Aberglauben leiten ließ, wählte für ihre Auferstehung natürlich eine Zeit, die ihr von den Göttern selbst angekündigt schien, die ihre Botschaft mittels eines Blitzes aus anderen Welten übermittelten. Da ein solcher Zeitpunkt überirdischer Weisheit entstammte, war es da nicht ein Gipfel menschlicher Weisheit, sich diesen zunutze zu machen? So kommt es« – seine Stimme bebte vor Gefühlsbewegung – »daß uns und unserer Zeit Gelegenheit gegeben wird, diesen Blick in die alte Welt zu tun, einen Blick der unser alleiniges Privileg ist und der sich vielleicht niemals wird wiederholen lassen.

Die rätselhaften Inschriften und die Symbole der wunderbaren Gruft jener wunderbaren Frau sind voller hinweisgebender Lichter. Und der Schlüssel dieser zahlreichen Geheimnisse liegt in dem wundersamen Edelstein, den sie in der toten Hand über ihrem toten Herzen hielt, das, wie sie hoffte und glaubte, in einer neuen und besseren Welt wieder schlagen würde!

Es gilt noch etliches zu überlegen. Margaret hat uns gezeigt, wie die Gefühle jener anderen Königin in Wahrheit ausgesehen haben mögen!« Er sah sie liebevoll an. »Ich hoffe aufrichtig, daß sie recht haben möge. Denn dann wird es gewiß für uns alle eine Freude sein, bei der Verwirklichung einer solchen Hoffnung mitzuwirken. Doch dürfen wir nicht zu hastig vorgehen und uns vor allem nicht an unseren gegenwärtigen Wissensstand klammern. Die Stimme, der wir lauschen, kommt aus einer von der unseren völlig verschiedenen Zeit, aus einer Zeit, in der ein Menschenleben nur wenig zählte und man zur Erfüllung seiner Begierden jedes Hindernis beseitigte, ohne damit gegen die Moral zu verstoßen. Wir müssen den Blick fest auf die wissenschaftliche Seite gerichtet halten und die Entwicklungen auf der psychischen Seite abwarten.

Und nun zu diesem Steinbehälter, den wir magische oder zauberische Truhe nennen. Wie schon gesagt, bin ich überzeugt, daß er sich nur bei Beachtung gewisser Prinzipien des Lichtes oder durch Anwendung etwaiger uns gegenwärtig noch unbekannter Kräfte öffnen läßt. Hier ist noch viel Raum für Mutmaßungen und Versuche. Denn bislang ist es der Wissenschaft noch nicht gänzlich gelungen, die Arten und Kräfte und Abstufungen des Lichtes zu erforschen. Dieses große Forschungsgebiet ist jungfräulicher Boden. Wir wissen von den Naturkräften so wenig, daß der Phantasie in Anbetracht der zukünftigen Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt sind. Innerhalb weniger Jahre wurden Entdeckungen gemacht, die noch vor zwei Jahrhunderten den Entdecker auf dem Scheiterhaufen hätten landen lassen. Denken wir an die Verflüssigung des Sauerstoffs, an den Nachweis der Existenz des Radiums, Heliums, Poloniums, Argons, an die verschiedenen Wirkungen der Röntgen-, Kathoden- und Becquerelstrahlen. Und so wie uns vielleicht der Nachweis glücken wird, daß es verschiedene Arten von Licht mit andersartigen Eigenschaften gibt, so werden wir möglicherweise herausfinden, daß man auch verschiedene Arten des Verbrennens unterscheiden kann, daß manche Flammen Eigenschaften haben, die anderen wiederum fehlen. Es ist gut möglich, daß gewisse grundlegende Bedingungen der Substanz erhalten bleiben, selbst wenn die Basis zerstört wird. Letzte Nacht, da dachte ich darüber nach und überlegte folgendes: da bestimmte Ölsorten gewisse Eigenschaften haben, die anderen fehlen, könnte es gewisse ähnliche oder entsprechende Eigenschaften oder Kräfte in der Verbindung dieser Öle geben. Gewiß haben wir alle einmal bemerkt, daß das Licht von Rapsöl anders brennt als jenes von Paraffin, oder daß sich die Flammen von Kohlengas und Tranöl unterscheiden. Man sehe sich die Leuchttürme daraufhin an! Da fiel mir plötzlich ein, daß das Öl, das man bei der Öffnung von Königin Teras Grab in den Krügen fand, vielleicht über spezielle Eigenschaften verfügte. Es hatte nämlich nicht wie sonst dazu gedient, die Eingeweide aufzunehmen, sondern mußte zu einem anderen Zweck bereitgestellt worden sein. Ich entsann mich, daß Van Huyn besonders darauf einging, wie diese Krüge versiegelt waren, auf einfache, wenngleich sehr wirkungsvolle Weise. Sie ließen sich nämlich mühelos öffnen. Die Krüge selbst waren in einem Sarkophag aufbewahrt, der sich, obgleich von immenser Stärke und hermetisch verschlossen, leicht öffnen ließ. Ich machte mich sofort daran, die Krüge zu untersuchen. Ein wenig – nur ganz wenig Öl war erhalten geblieben. Es war in den zweieinhalb Jahrhunderten, seitdem die Krüge geöffnet worden waren, dick geworden, doch war es nicht ranzig. Nach näherer Untersuchung stellte ich fest, daß es Zedernöl war, und daß es noch immer etwas von seinem ursprünglichen Aroma ausströmte. So kam ich auf die Idee, daß dieses Öl zur Füllung der Leuchten gedacht war. Wer immer das Öl in die Krüge getan hatte und die Krüge in den Sarkophag, der wußte, daß es mit der Zeit weniger würde, und kalkulierte den Schwund mit ein, denn ein jeder der Krüge hätte die Leuchten ein halbes Dutzend Male füllen können. Mit einem Teil des zurückgebliebenen Öls, machte ich Versuche, die vielleicht zu nützlichen Ergebnissen führen werden. Wie Sie wissen, Doktor Winchester, hat das Zedernöl, das bei den ägyptischen Einbalsamierungsriten eine große Rolle spielte, gewisse lichtbrechende Eigenschaften. So verwenden wir es beispielsweise auf unseren Mikroskoplinsen, um das Sichtvermögen zu verbessern. Vergangene Nacht nun tat ich eine Spur davon in eine der Leuchten und stellte sie neben eine durchscheinende Stelle des Magischen Behälters. Die Wirkung war grandios. Der Lichtschein von innen her war voller und intensiver, als ich es mir hatte vorstellen können, wo hingegen ein ähnlich plaziertes elektrisches Licht wenig, wenn überhaupt Wirkung zeigte. Ich hätte noch andere meiner sieben Leuchten ausprobiert, nur ging mir leider das Öl aus. Dieser Mangel jedoch wird bald behoben sein. Denn ich ließ Zedernöl bestellen und werde hoffentlich bald über einen größeren Vorrat verfügen. Was immer an störenden Faktoren auftreten mag, so soll unser Experiment auf keinen Fall in diesem Punkt scheitern. Wir werden ja sehen! Wir werden sehen!«

Doktor Winchester war der logischen Abfolge der Äußerungen Trelawnys aufmerksam gefolgt, denn er bemerkte nun:

»Für den Fall, daß das Licht den Behälter zu öffnen vermag, will ich nur hoffen, daß der Mechanismus dabei nicht außer Funktion gesetzt oder gar zerstört wird.«

Sein Zweifel erfüllte manchen von uns mit Bangen.

 

Die sieben Finger des Todes
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